Aufgekratzes beruhigen

Der Spitzwegerich ist wie Kamille, Löwenzahn, GänseblĂĽmchen, Holunder, WeiĂźdorn u.ä. auch so eine Heilpflanze, die einen auf Schritt und Tritt begleitet. Das ist hier sogar ganz besonders wörtlich zu nehmen, denn (Spitz)Weg-erich deutet ja an, dass er sich vor allem entlang von Wegen ausbreitet. Das bekommt er hin, indem sich die Samen gerne an den FĂĽĂźen oder Pfoten festkleben und anderswo dann abgetreten werden. Immerhin hat das den Vorteil, dass man im Sommer nie lange suchen muss, um dieses Heilmittel zu finden, das in gewissem Sinne alle Wunden glättet, die physischen wie die seelischen. 

Gerade als Kind pflĂĽckt man ja sehr gerne BlĂĽmchen, die man so am Wegesrand zufällig findet, bindet sich kleine SträuĂźe und entzĂĽckt sich daran. Den Spitzwegerich hat vermutlich noch nie ein Kind zu einem BlumenstrauĂź zusammengestellt. Unschöner geht es fast nicht (natĂĽrlich sind alle Pflanzen auf ihre Weise wunderschön, wenn man sie mit den richtigen Augen anschaut. Aber rein ästhetisch gibt es fĂĽr den Spitzwegerich noch ziemlich viel Luft nach oben). 

Apropos Luft nach oben. Kaum einer anderen Pflanze ist offensichtlicher dem Luftelement in einer intensiven Weise zugetan. Im späteren FrĂĽhjahr entwickelt sich die Blattrosette mit den sehr charakteristischen, halb aufrecht stehenden lanzettlichen Blättern, und dann steigt aus der Mitte der zappeldĂĽnne, völlig schmucklose BlĂĽtenstängel bis zu einem halben Meter empor, lässt alles andere unter sich und 'völlig losgelöst von der Erde' entfaltet er dann seine BlĂĽte. 

BlĂĽtenstand des Spitzwegerichs

Der aufgekratzte BlĂĽtenstand des Spitzwegerichs

Aufgekratzer BlĂĽtenstand

Was heiĂźt bei ihm schon BlĂĽte. Manche Menschen wissen gar nicht, dass es sich bei diesem Staubfäden-Gebilde um eine BlĂĽte handelt, weil jegliche BlĂĽtenblätter fehlen. Schön geht anders. Von unten nach oben blĂĽht der Fruchtstand ab, bildet immer nur einen kleinen Ring entfalteter, weiĂźlicher Staubfäden, und darunter bleibt ein seltsames verdorrtes, bräunliches Etwas zurĂĽck. Betrachtet man es genĂĽgend nah, erschrickt man fast (siehe auch oberstes Bild, Mitte). Es wirkt aufgeraut und trocken - und wenn man an die eigene Atmung denkt und gleichzeitig an diesen BlĂĽtenstand, dann ahnt man schon, dass die Pflanze etwas mit trockenen Reizhusten zu tun haben könnte. Und so ist es natĂĽrlich auch. 

Starke Verwurzelung als Gegenpol zum 'AuĂźer-sich-Sein' des BlĂĽtenstandes

Abgehobener BlĂĽtenstand des Spitzwegerichs

Der abgehobene BlĂĽtenstand, leider wenig kontrastreich

Aber noch mal zu diesem so von aller Bodenhaftung abgehobenen Blütenstand. Das wirkt schon strange. Man betrachte nur mal dieses Bild (was leider nicht sonderlich kontrastreich ist, aber das Wesentliche doch gut erkennen lässt). Unten das lanzettliche Blattwerk, dann kommt nichts, nichts, nichts, nichts, und plötzlich ganz oben dieser reine Windbestäuber-Blütenstand. Viel karger und vor allem abgehobener und unverbundener geht es ja kaum.

Welchen evolutionären Bedingungen musste diese Pflanze wohl ausgesetzt gewesen sein, um zu diesem Selbstausdruck, dieser Gestaltbildung zu finden. NatĂĽrlich geht es um Vermehrungserfolg, was sie ja durch den hochgereckten BlĂĽtenstand und Windbestäubung auch sehr erfolgreich praktiziert, aber es geht auch noch darum, dass das Obere etwas mit dem Unteren zu tun hat. Und das hat es - und zwar in einer ausgeprägten Gegenpoligkeit. 

Parallelnervige Blätter des Spitzwegerich

Die auffällig parallelen Blattadern des Spitzwegerichs

Glättung als Gegenpol des Rauen

In der Botanik gibt es eine Grobunterscheidung zwischen zwei Pflanzentypen, nämlich denen, die mit einem Keimblatt aus dem Boden kommen und denen, die mit zwei Keimblättern aufwarten. Zu ersterer Kategorie gehören Zwiebelgewächse oder Lilien, und ihre Blätter sind immer langgestreckt und parallelnervig. Die zweikeimblättrigen Pflanzen hingegen haben immer eine netzartige Blattstruktur. Fast immer. Der Spitzwegerich als zweikeimblättrige Pflanze ist eine Ausnahme und zeigt das auch ganz extrem. Bei ihm sind die Blätter auffällig parallelnervig. 

Das ist ein krasser Gegensatz zum so aufgerauten, trockenen BlĂĽtenstand. Die glatten Adern sind das genaue GegenstĂĽck, deuten auf etwas ruhig und gleichmäßig FlieĂźendes hin. Und in der Tat enthalten die Blätter größere Mengen an Schleimstoffen, die gewissermaĂźen das Glatte und FlieĂźende unterstreichen. 

Wurzelwerk des Spitzwegerichs

Im Wurzelwerk der genaue Gegenlauf zum Blütenstängel

Schaut man sich an, wie die Pflanze unterirdisch aussieht, findet man hier noch mal einen etwas anders gearteten Gegenpol zum so krass ins Luftige abgehobenen BlĂĽtenstängel. Die Pflanze ist extrem stark verwurzelt. Sie auszugraben macht MĂĽhe, und man muss auch relativ grĂĽndlich graben, weil neben auĂźer dem ausgeprägten Flachwurzelwerk auch noch eine schmale, senkrechte Pfahlwurzel mit dabei ist. Zwei Wurzeltypen auf einmal - eine Seltenheit. Das, was auf der einen Seite wie unverbunden abgehoben erscheint, wird auf der anderen Seite durch eine Senkrechte nach unten und starke Verwurzelung wieder wie ausgeglichen. Als wĂĽrde der das AbtrĂĽnnige des BlĂĽtenstandes hier ein genaues Gegengewicht finden, um alles wieder ins Lot zu bringen. 

Das Wirken des Spitzwegerichs - physisch und seelisch

Es ist ziemlich klar, dass die Pflanze etwas mit der Luftorganisation zu tun hat, und, wie schon gesagt, mit groĂźer Deutlichkeit auf Reizhusten hinweist. Spitzwegerich glättet, setzt dem 'AuĂźer-sich-Sein' Erdung und Verbindung entgegen, dem Rauen, 'Heiseren' Beruhigung, Glättung. 

Man kann mit gutem Recht diese Heilwirkung auch seelisch-psychisch verstehen. Menschen, die von Haus aus eher cholerisch sind, schnell aus der Haut fahren, sich die Stimme heiser schreien und in diesem Zusammenhang womöglich auch trockenen Reizhusten entwickeln, sind sie mit dem Spitzwegerich bestens bedient. Das Ăśbererregte und Ăśberreizte wird wieder eingegliedert, die Wogen geglättet, zu starke Verkopfung in den Körper zurĂĽck geholt, an die Säfteorganisation rĂĽckgebunden. 

Eine Bekannte von mir macht seit Jahr und Tag mit viel Herzblut Kräuterwanderungen in Hamburg und Umgebung. Es ist ihre Passion. Sie geht dann mit kleinen Gruppen zu den Pflänzchen, gibt ihnen Zeit, sich gefĂĽhlsmäßig auf sie einzulassen und auf sich wirken zu lassen, lässt sie auch manchmal probieren, malen usw., halt alles, was man so tun kann, um mehr Beziehung zu Pflanzen herzustellen. Und was sie dabei immer wieder bemerkt ist, dass sich die Gruppen sehr beruhigen, wenn es zum Spitzwegerich geht. 

Bei Wanderungen lohnt es sich, diese Pflanze ein bisschen im Auge zu behalten. Denn wenn man von MĂĽcken gebissen oder von Brennnesseln gepeinigt wird, ist der Saft der Blätter ein ĂĽberaus wirksames Sofortmittel. Er lindert unmittelbar. Die Haut brennt viel weniger, MĂĽckenstĂĽcke jucken bei weitem nicht mehr so stark, es entsteht kaum mehr eine Schwellung, und bei kleinen Wunden wirkt der Saft Wunder, weil er die Wunden nicht nur rasch verschlieĂźt (glättet), sondern sie auch gleichzeitig desinfiziert. Auch der Breitwegerich, quasi die Geschwisterpflanze des Spitzwegerich leistet hier sehr ähnliche Dienste. Ich habe das selbst mal ausprobiert und war sehr ĂĽberrascht, wie gut das funktioniert. Am besten ist es, einige Blätter abzuzupfen, wenn möglich einen Knoten hinein zu machen und dann zwischen den Händen zu zerreiben. Recht bald tritt dann Saft aus, der entsprechend genutzt werden kann. Es ist ein Heilmittel, das sehr häufig zu finden ist, eine Naturapotheke, die einen ständig begleitet.

Die Blätter können auch als Salatbeigabe gegessen werden. Sie schmecken ein wenig pilzartig. Wildkräutersalat pur ist immer bisschen eine Herausforderung, aber einige dieser Blätter im Salat sind eine wirkliche Bereicherung. Noch nicht ausprobiert? Dann mal los. 


Schau Dir ggf. auch Heilpflanzen an mit ähnlicher Indikation

Ablösung von Anklammerung, durchs Dunkel zum Licht, Entwicklung zum eigenen Stand

MĂĽtterlichkeit, Sanftheit, Beruhigung von Hitzigem

zum inneren Ton fĂĽhren im (Herz)Zentrum

Portrait folgt

Klarheit, Prozesse gliedern, durcharbeiten, eins nach dem anderen

Leitartikel zu Heilpflanzen, Gesundheit, Leben lieben...

Über das Grundkonzept der Homöopathie und was von ihr zu halten ist

Gesundheit stärken und heilen statt öfter erkranken und Krankheit bekämpfen

Heilpflanzen wirken auf mehr Ebenen als nur der Wirkstoffebene


Ich freue mich ĂĽber einen Kommentar von Dir

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

{"email":"Email-Adresse falsch","url":"Website-Adresse falsch","required":"Feldeintrag fehlt"}
>