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Respekt gebieten, aufrecht in der eigenen Mitte bleiben

Wilde Karde in voller GrĂ¶ĂŸe

So prachtvoll, imposant und ausdrucksstark ist die Pflanze

Viele kennen diese imposante Pflanze nicht, obwohl sie gar nicht so selten anzutreffen ist. Freilich kommt sie nicht so hĂ€ufig vor wie Löwenzahn oder GĂ€nseblĂŒmchen, dafĂŒr fĂ€llt sie mehr auf, wenn man ihr begegnet. Sie strahlt eine starke PrĂ€senz aus. Vom Schauspieler Linus Ventura heißt es, sobald er den Raum betreten habe, sei der Raum quasi voll gewesen - so viel PrĂ€senz. Ähnliches könnte man von der Wilden Karde behaupten.

Je nach Standort kann sie sehr unterschiedlich groß werden. Der Schnitt liegt bei gut 2 m, allerdings habe ich kĂŒrzlich eine Pflanze von ĂŒber 4 m gesehen, gleich daneben einige mit nur gut 1 m. Eines aber ist bei allen gleich: Die ungewöhnliche Betonung der Mitte. 

ZunĂ€chst einmal steht die Pflanze geradezu stoisch senkrecht. NatĂŒrlich stehen auch andere Pflanzen sehr senkrecht wie Brennnessel, Schafgarbe, Gelber Enzian, Sonnenblume usw. auch. Aber hier springt die Betonung der Senkrechten viel mehr ins Auge - weiß der Kuckuck warum. Vielleicht durch ihren so hervorgehobenen Schutzcharakter um die Mitte herum.

Mittlerer BlĂŒtenstand mit Bodyguards der Wilden Karde

Die etwas kleineren seitlichen BlĂŒtenstĂ€nde ĂŒberragen den grĂ¶ĂŸeren mittleren BlĂŒtenstand. 

Das zeigt sich ganz besonders im BlĂŒtenstand. Exakt auf der Spitze bildet sich ein nicht ausgebreiteter, sondern lĂ€nglicher, eiförmiger BlĂŒtenstand, der eindeutig grĂ¶ĂŸte von all den vielen BlĂŒtenstĂ€nden, die die Pflanze sonst noch bildet. Er ist zugleich auch der mit einigem Abstand erste, der blĂŒht. Das erinnert ein bisschen an einen König mit seiner Gefolgschaft. Der König trohnt an der Spitze, darf beim Diner sich als erster hinsetzen, als erster beim Essen zugreifen usw. Die ĂŒbrigen, immer paarweise seitlich herausragenden BlĂŒtenstĂ€nde sind mehr oder weniger Vasallen. 

Dabei ist der mittlere BlĂŒtenstand nicht unbedingt immer der höchstgelegene. HĂ€ufig wird er von den zwei seitlichen (aber kleineren) BlĂŒtenstĂ€nden ĂŒberragt, die dann wie die Schweizer Garde im Vatikan um das Oberhaupt 'wachsam' herumstehen. 

Die auffĂ€lligen KelchblĂ€tter rund um den BlĂŒtenstand der Wilden Karde

Die außergewöhnlichen KelchblĂ€tter

An sich brĂ€uchte es gar nicht so viel Geleitschutz, denn jeder BlĂŒtenstand an sich ist schon Wehrhaftigkeit schlechthin. Wo gibt es das sonst noch, dass ein BlĂŒtenstand komplett bestachelt ist. Weder DistelblĂŒten, noch der BlĂŒtenstand des ebenfalls borstigen Sonnenhuts verkörpern so viel Schutz und Fernhalten. Die Stacheln sind allerdings bei weitem nicht so spitz und verletzend wie z.B. die von Disteln. Dadurch eigneten sie sich in frĂŒheren Zeiten als WeberkĂ€mme, mit denen die Fasern frisch geschorener Wolle geglĂ€ttet wurden. Eine Art Naturkamm also. 

Der Mitten-Schutz ist bei der Wilden Karde in praktisch jedem Detail ausgestaltet. Das gilt sogar fĂŒr die KelchblĂ€tter. Sonst bei anderen Pflanzen oft eher unscheinbar, umragen sie hier eindrucksvoll und wehrhaft bestachelt den gesamten BlĂŒtenstand - eine zweite Garde, so was wie direkter Personenschutz. Das Signal dahinter lĂ€sst sich kaum anders verstehen als: Lass die Finger von mir, fort von meinem Innersten. 

BlĂŒhverhalten der Wilden Karde

Auseinanderlaufende BlĂŒtenringe der Wilden Karde

BlĂŒhverhalten: von der Mitte nach außen

Noch deutlicher wird der Gestus im BlĂŒhverhalten. Die Pflanze gehört zur Familie der KorbblĂŒtler (wie Sonnenblume, GĂ€nseblĂŒmchen, Distel usw., wo jeder BlĂŒtenstand im Grunde ein ganzes, geordnetes BlĂŒtenbeet darstellt). Die BlĂŒte beginnt nun aber nicht am unteren oder oberen Ende, wie es natĂŒrlich erscheinen wĂŒrde, sondern... in der Mitte als schmaler Ring. Dieser Ring teilt sich dann auf und wandert parallel nach oben und nach unten - ein HerausdrĂ€ngen aus der Mitte also. Ich kann bei so was immer nur staunen und frage mich, wie die Pflanze ĂŒberhaupt die Mitte ihres BlĂŒtenstandes kennen kann? Am unteren oder oberen Ende könnte ja, schwerkraftbedingt, eine andere Konzentration von Stoffen herrschen, die dann den BlĂŒhstartimpuls geben. Aber die Mitte herauszufinden und genau dort zu starten, ist doch ĂŒberaus trickie und irgendwie ein kleines Wunder. 

Dass auch im StÀngel und Blattwerk das Bauprinzip wiederkehrt, versteht sich inzwischen fast von selbst. Erstaunlich aber ist die 'Fantasie', die die Pflanze bei der Umsetzung ihres Leitprinzips auf dieser Strecke entwickelt hat.

Den StĂ€ngel rundum mit Stacheln zu bewehren - nun gut, da kĂ€me noch jeder drauf. Damit gebietet die Pflanze, respektvoll Abstand zu halten von ihrer Mitte. Es ist tatsĂ€chlich ein Gestus des Gebietens, nicht des Verteidigens, denn dafĂŒr sind die Stacheln nicht spitz und wehrhaft genug. Wer die Pflanze abzupflĂŒcken versucht, holt sich nicht sofort blutige Finger. Aber es entsteht auch keine gesteigerte Lust, sie abpflĂŒcken zu wollen. 

WassergefĂŒllte Blattschalen der Wilden Karde

Nach RegenfĂ€llen steht Wasser in dem "Blattbecken", was den StĂ€ngel umschließt

Wasserfalle gegen Emporkrabbler

Wirkliche Fantasie beweist die Wilde Karde - außer in ihrem ungewöhnlichen BlĂŒtenstand und BlĂŒhverhalten - bei der Gestaltung ihres Blattwerks. Die je gegenĂŒberstehenden BlĂ€tter sind um den StĂ€ngel herum miteinander verwachsen, und zwar in der Weise, dass sie eine kleine Hohlform, eine Art Schale bilden. Wenn es regnet, sammelt sie darin das Regenwasser und bleibt dort fĂŒr lĂ€ngere Zeit stehen. Daher rĂŒhrt auch ihr botanischer Name Dipsacus, was so viel wie Durst heißt.

Allerdings hat dieser Wasservorrat gar nicht so viel mit Durst zu tun. Die Pflanze hĂ€lt sich hier nicht das Wasser vor fĂŒr trockene Zeiten. Vielmehr erschafft sie mit diesem besonderen Wuchs eine Wasserbarriere, die Kleintierchen wie Ameisen wirkungsvoll davon abhĂ€lt, am StĂ€ngel zur BlĂŒte empor zu krabben. Manchmal finden sich in darin ein paar (tote) Insekten, die der Versuchung der Pflanzeneroberung nicht widerstehen konnten. Aber dort hoch krabbeln zu wollen ist vermutlich noch schwieriger als Drachen töten. 

Blattunterseite der Wilden Karde

Stacheln an der Unterseite der BlÀtter genau auf der Mittelader

Die BlĂ€tter selbst sind wie StĂ€ngel und BlĂŒten selbstredend auch leicht bestachelt. An der Oberseite wachsen mitten aus dem Blatt heraus hier und da ein paar wenige Stacheln. Sehr viel mehr Stacheln finden sich an der Unterseite, und zwar, wie sollte es anders sein, genau entlang der Mittelader.

Bleibt zum Schluss ein Blick auf die Wurzel. Da die Pflanze so schlank und weit teils in sehr große Höhen aufsteigt, braucht sie eine entsprechende Verankerung im Erdreich. Ihr Wurzel erinnert entfernt an Baumwurzeln mit mehreren krĂ€ftigen Seitenwurzeln, umgeben von einem groben Wurzelnetz. Hier ist das eigentliche Kraftzentrum der Pflanze, weshalb fĂŒr arzneiliche Zwecke hĂ€ufig eben die Wurzel genutzt wird. Allerdings gibt es auch ganzheitliche Zubereitungen, die die gesamte Pflanze nutzen (was deutlich mehr Aufwand bedeutet). 

Die physischen Wirkungen der Wilden Karde  

Die Heilwirkung der Wilden Karde ist wissenschaftlich noch nicht sonderlich gut erforscht, wobei eine wissenschaftliche Erforschung der Wirkung von Heilpflanzen generell problematisch ist. Um das nĂ€mlich tun zu können, braucht es am Anfang eine Vermutung ĂŒber ihr eigentliches Heilwirken. Liegt diese Vermutung knapp daneben oder trifft nicht den Kern dessen, was die Pflanze tatsĂ€chlich leistet, dann gibt es zwar am Ende zwar eine klare wissenschaftliche Aussage, zu wie viel Prozent die Vermutung im Rahmen dieser Studie gilt, aber im Grunde weiß damit noch niemand, was er jetzt weiß.

Bei der Wilden Karde z.B. ist erst mal unklar, wie ihre so deutlich gezeigte Signatur vom 'Schutz der Mitte' als Heilwirkung in Erscheinung treten sollte. Die 'Mitte' ist schließlich kein fĂŒr bestimmte Aufgaben zustĂ€ndiges Organ. Es ist schwer zu definieren, was beim Menschen 'Mitte' meint. 

Empfohlen wird in der Literatur ihre Anwendung  bei Wunden, Hautschrunden, Gerstenkörnern, Fisteln, Hautflechten und Warzen, bei Furunkeln, aber auch bei GallenschwĂ€che, VerdauungsschwĂ€che, Ödemen und sogar bei Sommersprossen. Auch als Einreibung bei Rheuma soll sie ebenfalls hilfreich sein. 

Kann man sich so was merken?

So schnöde aufgezĂ€hlt, erscheint das Anwendungsspektrum ziemlich unĂŒbersichtlich. Letztendlich aber sind all diese Einzelindikationen nichts anderes als Projektionen ihres Gestaltprinzips auf bestimmte symptomatische Erscheinungsformen. Bei allen Anwendungen geht es darum, etwas aus dem Körper mehr oder weniger heraus zu drĂ€ngen, die eigene IntegritĂ€t zu wahren. Ihre Wirkweise wird dementsprechend als antibakteriell, blutreinigend, harntreibend, schweißtreibend und Immunsystem-stĂ€rkend beschrieben. Sprich: Es werden Bakterien rausgedrĂ€ngt, Schlacken und Fremdstoffe im Blut abgeschoben, die Ausscheidung ĂŒber Urin und Haut verstĂ€rkt, so dass in der Gesamtheit insbesondere die eigene IntegritĂ€t (das Immunsystem) gestĂ€rkt wird. 

Zecke

Wilde Karde gegen Zeckenkrankheit?!

Viel Aufmerksamkeit hat in den letzten Jahren die Anwendung zur Behandlung von Borreliose (Zeckenkrankheit, auch Lyme-Disease genannt) erregt. Die Standardbehandlung bei dieser recht gefĂ€hrlichen, teils langwierigen Krankheit sind Antibiotika-Gaben ĂŒber 21 Tage. Die ungewöhnlich lange Zeitdauer erklĂ€rt sich damit, dass die Erreger, so genannte SpirochĂ€ten, sich ins Gewebe und vor allem ins Nervengewebe regelrecht hinein schrauben. Dort sitzen sie sehr fest und sind fĂŒr Antibiotika nur schlecht erreichbar. 

Die Wilde Karde mit ihrem herausdrĂ€ngenden, integritĂ€tsgebietenden Prinzip scheint hier in der Tat eine gute Wahl zu sein. Auf Apothekenseiten findet man zwar den Hinweis, dass die Wilde Karde 'in esoterischen Kreisen' zur Borreliosebehandlung genutzt wird und wissenschaftliche Wirknachweise nicht vorliegen, aber das diskreditiert das Heilpotenzial der Pflanze. Immerhin, das Heilpflanzen-Urgestein Wolf Dieter Schorl, der im AllgĂ€u im Wald lebt, hat selbst mal eine Borreliose durchgemacht und sie allein naturheilkundlich, vor allem unter Nutzung der Wilden Karde, wieder in den Griff bekommen. DarĂŒber hat er spĂ€ter sogar ein ganzes Buch geschrieben. Wer bei einer Borreliose-Infektion auf Antibiotika verzichten möchte, sollte sich sich genau informieren, welche Chancen und Möglichkeiten der naturheilkundlichen Behandlung es dafĂŒr gibt. Die Wilde Karde allein genĂŒgt da noch nicht. Es braucht zusĂ€tzliche flankierende Maßnahmen. Aber sie ist geleichwohl die Zentralkomponente des Behandlungskonzeptes. 

Die seelischen Wirkungen 

Unter dem Einfluss der Wilden Karde (also z.B. nach Einnahme einer wesenhaft zubereiteten Urtinktur) fĂ€llt es leichter, EinflĂŒssen zu widerstehen, die uns 'aus unserer Mitte zu werfen drohen'. So hat ein mir bekannter Pflanzenheilkundler folgendes erlebt: Er wollte an irgendeinem Abend noch eine bestimmte Arbeit fertig stellen, fĂŒhlte sich aber durch den großen StraßenlĂ€rm vor seinem Fenster sehr gestört. Dann nahm er ein paar Tropfen der Karden-Urtinktur, und schon bald darauf hatte darauf hatte er das GefĂŒhl, dass diese Störungen wie in den Hintergrund rĂŒckten und ihn kaum mehr anfochten. Ein interessantes Anwendungsbeispiel.  

Ein anderer Fall betrifft eine Frau, die an den SpĂ€tfolgen einer Borreliose sehr zu schaffen hatte. Außerdem ist sie - als Adoptivkind - fast von Geburt an mit dem Thema des Selbst-Sein-Könnens konfrontiert. Ihre sehr strengen Adoptiveltern schenkten ihr Liebe bestenfalls dann, wenn sie besonders gute Leistungen oder Taten vorzuweisen hatte. Sie wurde also in gewisser Weise korrumpiert. Wie sollte es ihr da möglich sein, einen eigenen, aufrechten Stand zu gewinnen?

Irgendwann erkrankte sie an Borreliose, entwickelte im Gefolge vielerlei Symptome. Insbesondere verlor sie irgendwann all ihre Haare. Dann kam sie auf die Spur von Dipsacus, nahm ĂŒber einige Zeit eine Urtinktur-Zubereitung ein und merkte alsbald, das sie fragloser durch's Leben ging, dass es ihr leichter viel, fĂŒr sich selbst einzustehen und nicht nur BedĂŒrfnisse anderer zu befriedigen. DarĂŒber besserte sich ihr Zustand deutlich. Es wuchsen ihr sogar vereinzelte Haare oder kleine BĂŒschel - keine volle Frisur, aber immerhin. 

Fazit

Die Pflanze scheint nach allem, was sich bisher so beobachten ließ, eine ausgezeichnete Schutzpflanze gegenĂŒber Verletzungen (oder Korrumption) der eigenen IntegritĂ€t zu sein. Wann immer eine Dissonanz auftritt zwischen innerem Erleben bzw. Lebensdrang und Ă€ußeren Anforderungen, zwischen Selbst-sein-wollen und Anders-sein-sollen, dann drĂŒcken sich solche Konflikte oft an der GrenzflĂ€che von innen und außen aus, also auf der Haut. Wohl aus diesem Grund gilt die Wilde Karde ganz allgemein als Hautheilpflanze. Das bedeutet jedoch keinesfalls, dass sie in völliger Allgemeinheit bei allen Hauterkrankungen unterstĂŒtzend eingesetzt werden könnte. Manche Hauterkrankungen rĂŒhren von ganz anderen Ursachen her, die wenig oder nichts mit Schutz der eigenen Mitte zu tun haben. Da wĂ€re dann die Wilde Karde unpassend gewĂ€hlt - und vermutlich auch weniger wirksam. 

Wenn Du selber Erfahrungen mit der Wilden Karde machst, schreibe es doch bitte in den Kommentar, dann ist das hier sogar eine lernende Gemeinschaft - und ein bisschen echte Forschungs- und Erkenntnisarbeit. 


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